Methodik

Wie wir aus Einzelschicksalen eine Systemkritik machen

Du fragst dich vielleicht: Was passiert eigentlich mit meiner Erfahrung, wenn ich sie über euer Meldeformular abschicke?

Bei den furien landet dein Bericht nicht in einer digitalen Schublade. Wir nutzen ein Drei-Stufen-Modell, um aus individuellen Erfahrungen eine politisch relevante Beweislast zu generieren.

Stufe 1: Die strukturierte Erfassung (anonymes Archiv)

Sobald deine Meldung eingeht, wird sie in unsere interne Datenbank übertragen.

  • Abgleich mit Rechtsnormen: Wir prüfen deinen Bericht u. a. hinsichtlich der Vorgaben der Istanbul-Konvention (insb. Art. 31) und des geltenden Verfahrensrechts.
  • Kategorisierung: Wir ordnen die Vorfälle zu (z. B. Verletzung des Parteiengehörs, finanzielle Nötigung, Manipulation des Kindeswillens).
  • Anonymisierung: Deine persönlichen Identifikationsmerkmale werden von den fachlichen Inhalten getrennt. Du wirst zum „Fall-Datensatz“, um dich vor jeder Form der Rückverfolgbarkeit zu schützen.

Stufe 2: Die Mustererkennung (Akteur:innen-Analyse)

Hier beginnt die eigentliche Arbeit der Dokumentationsstelle. Wir führen die Daten zusammen, um systemische Knotenpunkte zu finden:

  • Akteur:innen-Tracking: Wir erfassen intern, welche Richter:innen, Gutachter:innen, Kinderbeistände, Jugendamtsmitarbeiter:innen u. Ä. wiederholt durch die gleichen Muster (z. B. konsequente Ignoranz von Gewaltbelegen) auffallen.
  • Regionale Schwerpunkte: Wir analysieren, an welchen Gerichten oder in welchen Bezirken die Rechtsstaatlichkeit besonders massiv ausgehebelt wird.
  • Methoden-Check: Wir dokumentieren, wie oft Pseudowissenschaften wie „PAS“ genutzt werden, um schützende Mütter zu pathologisieren.

Stufe 3: Die strategische Weiterarbeit (unser Hebel)

Wir sind keine Journalist:innen und keine Anwält:innen, aber wir liefern Multiplikator:innen das Material. Mit den aggregierten Daten arbeiten wir wie folgt weiter:

  1. Dossiers für die Kontrolle: Wir erstellen Berichte für internationale Überwachungsorgane wie die GREVIO (Europarat), um den Druck auf den Staat von außen zu erhöhen.
  2. Material für Investigativ-Medien: Wir bieten Journalist:innen statistische Fakten (z. B.: „An Gericht X gibt es eine auffällige Häufung von PAS-Gutachten.“), damit diese gezielt recherchieren können.
  3. Vernetzung zur Selbstverteidigung: Wenn wir feststellen, dass mehrere Frauen gegen dieselben Akteur:innen kämpfen, bieten wir (bei vorliegendem beidseitigem Einverständnis, das wir im Meldeformular abfragen) eine geschützte Vernetzung an. Gemeinsam ist man im Verfahren weniger isoliert.
  4. Wissenschaftlicher Diskurs: Wir stellen unsere anonymisierten Statistiken für soziologische und rechtshistorische Forschung zur Verfügung, um einschlägige Studien mit aktuellen Zahlen zu untermauern.

Unser Ziel ist es, institutionelle Gewalt zu messen. Denn was gemessen werden kann, kann nicht mehr geleugnet werden.

Der Prozess im Detail

  • Stufe 1: Datenerhebung (Input)

Über unser Meldesystem übermitteln Betroffene die Eckpunkte ihres Verfahrens. Wir erfassen gezielt Informationen über die beteiligten Akteur:innen (Gerichte, Gutachter:innen, Ämter) und die angewandten Entscheidungsmuster. Ein Klarnamen-Zwang besteht nicht – wir schützen die Quelle, um die Information zu sichern.

  • Stufe 2: Kategorisierung & Analyse

Jede eingegangene Meldung durchläuft einen standardisierten Prüfprozess. Wir kategorisieren die Vorfälle:

1. Völkerrechtliches Monitoring (Schutzpflichten)

Wir prüfen den Fall auf die Einhaltung internationaler Verträge, die für den Staat bindend sind:

  • Istanbul-Konvention (Art. 31): Wurde die Sicherheit des gewaltbetroffenen Elternteils und des Kindes bei der Festlegung von Sorge- und Umgangsrechten zwingend berücksichtigt? Oder wurde das Umgangsrecht über das Recht auf körperliche und psychische Unversehrtheit gestellt?
  • UN-Kinderrechtskonvention (Art. 3 & 12): Wurde das Kindeswohl als vorrangiger Gesichtspunkt behandelt? Wurde dem Kind eine angemessene Anhörung ermöglicht, ohne dass sein Wille durch Druck oder Manipulation der Akteure entwertet wurde?
  • CEDAW (UN-Frauenrechtskonvention): Liegt eine geschlechtsspezifische Diskriminierung vor (z. B. durch die Verwendung von sexistischen Stereotypen wie der „rachesüchtigen Mutter“)?

2. Fachlich-methodische Prüfung (Gutachten-Qualität)

Wir fragen dich über die Arbeit der Sachverständigen ab. Ein Gutachten ist kein freier Aufsatz, sondern muss wissenschaftlichen Standards entsprechen. Wir fragen dich:

  • Pseudowissenschaftliche Konzepte: Finden Begriffe wie PAS (Parental Alienation Syndrome), „Eltern-Kind-Entfremdung“ oder „Bindungsintoleranz“ Verwendung, um tatsächliche Gewalterfahrungen zu pathologisieren oder zu entwerten?
  • Transparenz & Logik: Sind die gezogenen Schlüsse aus den erhobenen Daten logisch nachvollziehbar, oder handelt es sich um reine Gefälligkeitsurteile ohne empirische Basis?
  • Exploration: Wurden alle relevanten Personen (Lehrer:innen, Kinderärzt:innen, Therapeut:innen) einbezogen, oder basiert das Gutachten auf einer selektiven Wahrnehmung?

3. Verfahrensrechtliche Analyse (Rechtsstaatlichkeit)

Wir prüfen, ob die grundlegenden Regeln eines fairen Prozesses eingehalten wurden und fragen dich ab nach:

  • Verletzung des rechtlichen Gehörs: Wurden Beweisanträge der Mutter systematisch abgelehnt oder ignoriert?
  • Befangenheit & Rollenkonflikte: Gab es eine unzulässige Nähe zwischen den Akteuren? (z. B. wenn Gutachter:innen gleichzeitig für beteiligte Trägervereine arbeiten).
  • Fehlende Qualifikation: Besitzen die eingesetzten Verfahrensbeistände oder Gutachter:innen überhaupt die notwendige psychologische oder traumapädagogische Expertise für diesen spezifischen Fall?

4. Dokumentation institutioneller Gewalt

Wir erfassen die psychischen und sozialen Folgen des Verfahrens:

  • Retraumatisierung: Wird die Mutter durch das Verfahren gezwungen, den Kontakt zum Gefährder ohne Schutzmaßnahmen aufrechtzuerhalten?
  • Täter-Opfer-Umkehr: Wird das Schutzverhalten der Mutter als „mangelnde Erziehungseignung“ ausgelegt?
  • Ökonomische Gewalt: Wird das Verfahren durch unnötige Zusatzmaßnahmen (Dauer-Umgangsbegleitungen, endlose Gutachtenschleifen) künstlich in die Länge gezogen und die Mutter finanziell ruiniert?

Warum diese Tiefe wichtig ist

Deine Meldung wird zum Herzstück unserer Arbeit. Wir führen alle Daten zusammen. Wenn bestimmte Sachverständige oder Abteilungen an verschiedenen Gerichten immer wieder durch dieselben rechtswidrigen Muster auffallen, wird aus einem Verdacht eine statistische Evidenz. Wir identifizieren die „Architekt:innen“ des Systemversagens. Anhand der Kategorisierungen können wir am Ende unserer Arbeit Berichte erstellen wie: In 74 % der gemeldeten Fälle beim Amtsgericht XY wurde Art. 31 der Istanbul-Konvention ignoriert, während in 90 % dieser Fälle gleichzeitig das pseudowissenschaftliche Konzept der Bindungsintoleranz als Entscheidungsgrundlage diente.

Unsere Zahlen werden mit deiner Hilfe zu politischem Dynamit.

Die anonymisierten Ergebnisse fließen in Dossiers ein. Wir erstellen keine Einzelbeschwerden, sondern Strukturberichte. Diese werden gezielt an politische Entscheidungsträger, Kontrollinstanzen und internationale Monitoring-Gremien übermittelt.