Quellen und aktuelle Befunde institutioneller Gewalt gegen Frauen und Kinder
Die im November 2024 publizierte Studie von Wolfgang Hammer (2024) liefert die aktuellste erschütternde wissenschaftliche Untermauerung für die Mechanismen institutioneller Gewalt in Deutschland.
Hammer, Wolfgang (2024): Macht und Kontrolle in familienrechtlichen Verfahren in Deutschland. Eine Analyse medialer Falldokumentationen. Online: https://www.familienrecht-in-deutschland.de/wp-content/uploads/2025/01/Macht-und-Kontrolle-im-Familiengericht-Analyse-medialer-Falldokumentationen.pdf [zul. abger. 20.12.2025]
Hammer analysiert 205 Dokumentationen aus 269 Medienquellen (Zeitraum 2008–2024) und legt offen, wie Familiengerichte und Jugendämter systematisch Schutzrechte von Kindern und Müttern aushebeln. In seinem Vorwort zur aktuellen Publikation schreibt Hammer (2024, S. 4): „Im Jahr 2022 folgte der Veröffentlichung der Studie Familienrecht in Deutschland – Eine Bestandsaufnahme eine breite Resonanz in Medien, Politik und in Fachkreisen. Die Studie trug dazu bei, dass sich ein bereits bestehender Diskurs, der wesentlich in Fachkreisen geführt wurde, erweiterte. Zu den damals 1.023 untersuchten Fällen liegen dem Autorenteam mittlerweile weitere rund 3.000 Fälle vor. Staatliche Institutionen, Jugendämter und Familiengerichte bilden über den Instanzenzug hinweg teilweise in sich geschlossene Systeme mit Praktiken, die Kindern und Müttern schaden.“
Hammers Studie ist ein Meilenstein, da sie die „Einzelfallhypothese“ wissenschaftlich widerlegt und nachweist, dass es sich um ein strukturelles und systemisches Problem großer Dimension handelt. Die Autorenschaft belegt, dass Mütter aus berechtigter Angst um das Wohl ihrer Kinder oft nur unter Anonymität (Rate über 75 %) sprechen können, da Kritik am Gericht sonst negativ gegen sie verwendet wird.
Doch Hammers (2024) Analyse lässt keine Zweifel offen: Die Fakten liegen auf dem Tisch. Das Grauen, das sich hinter den verschlossenen Türen der Familiengerichte abspielt, ist kein „dunkles Geheimnis“ mehr – es ist eine gut dokumentierte, wissenschaftlich belegte Realität. Wir wissen von der Täter-Opfer-Umkehr, wir wissen von der pseudowissenschaftlichen PAS-Ideologie, und wir wissen von den tödlichen Konsequenzen, die dieses Wegsehen hat.
Hammer beschreibt staatliche Institutionen als teilweise „in sich geschlossene Systeme“. Ein zentraler Mechanismus ist die PAS-Vorannahme (Parental Alienation Syndrome), die trotz fehlender wissenschaftlicher Basis massiv eingesetzt wird und dazu führt, dass mütterliche Warnungen vor Gewalt als „Bindungsintoleranz“ oder Manipulation umgedeutet werden, dass Kinder, die Angst vor dem gewalttätigen Vater haben, als „krank gemacht“ durch die Mutter deklariert werden, was ihr tatsächliches Gehör im Verfahren ausschließt.
Das Autorenteam führt den Begriff der „Zwangskontrolle“ ein, um die Nachtrennungsgewalt von Vätern zu beschreiben, die das Rechtssystem als Waffe nutzen und langjährige Verfahren als Instrument der Macht führen. Institutionen lassen sich für dieses Machtverhalten instrumentalisieren, indem sie den Ausübenden oft sogar mit dem Kontakt zum Kind „belohnen“. Ein besonders traumatischer Mechanismus sind dabei gewaltvolle Trennungen von der schützenden Mutter, in deren Folge Kinder teilweise mit Polizeigewalt aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen werden, um sie dem Vater zuzuführen.
In 23 der untersuchten Fälle wird über eine völlige Verfehlung der gesetzlichen Aufgaben der Verfahrensbeistände berichtet: Statt das Kind zu schützen, setzen Verfahrens- und Kinderbeistände Kinder unter Druck oder manipulieren sie, wenn diese bei der Mutter bleiben wollen. Väterliche Gewalt wird gleichsam ignoriert oder als Erfindung der Mutter abgetan.
Die Spitze des Eisbergs: Tödliche Folgen
Hammers Publikation verweist auf 19 exemplarische Fälle, in denen Kinder oder Mütter trotz vorheriger Warnungen im Kontext von Umgangsstreitigkeiten getötet wurden. Diesen Taten gingen oft langwierige familienrechtliche Verfahren voraus, in denen die Gefährlichkeit der Väter verkannt wurde.
Das Paradox des Wissens: Wenn Ignoranz zur Systementscheidung wird
Doch hier liegt das erschütternde Paradox: Obwohl das Problem offensichtlich bekannt ist, ändert sich nichts. Im Gegenteil, das System verharrt in einer gefährlichen Starre. Warum?
Warum das System schweigt
Hammers Studie belegt, dass Institutionen wie Jugendämter und Gerichte sich oft als geschlossene Systeme verhalten. Eine Änderung würde bedeuten, einzugestehen, dass über Jahrzehnte hinweg schwerstes Unrecht im Namen des Staates begangen wurde. Das wiederum würde bedingen, die eigene Machtarchitektur infrage zu stellen. Solange der Widerstand nur aus „Einzelfällen“ besteht, kann das System diese Stimmen als „hochstrittig“ oder „psychisch belastet“ abtun und so die eigene Fehlbarkeit maskieren.
Die Anatomie der „Stillen Gewalt“: Wenn der Staat zum Mittäter wird
Rechtsanwältin Asha Hedayati beschreibt in ihrem Werk „Die stille Gewalt“ ein erschütterndes Paradoxon: Der Staat, der sich den Schutz der Menschenwürde auf die Fahnen schreibt, lässt Frauen in dem Moment im Stich, in dem sie sich aus Gewaltbeziehungen befreien wollen. Besonders fatal wird dies, wenn Kinder im Spiel sind.
Hedayati, Asha (2023): Die stille Gewalt: Wie der Staat Frauen alleinlässt. Rowohlt.
Das Ende der körperlichen Selbstbestimmung
Hedayati legt dar, dass Frauen in dem Moment, in dem sie Mutter werden, im Rechtssystem oft ihre fundamentale körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung einbüßen. Während das Strafrecht Gewaltbeziehungen (zumindest theoretisch) sanktioniert, ignoriert das Familienrecht diese Gewalt oft systematisch.
- Die institutionelle Ignoranz: Gewalttaten des Ex-Partners werden als „Paarkonflikt“ verharmlost. Die strukturelle Machtdimension von Partnerschaftsgewalt – die Kontrolle, die Einschüchterung, der Terror – wird vor Familiengerichten oft ausgeklammert.
- Die Fortsetzung der Gewalt durch das Verfahren: Der Gerichtssaal wird zur Bühne, auf der der Täter seine Macht weiter ausüben kann. Durch Anträge auf Umgang, Sorgerecht oder ständige Neuberichtungen wird die Frau gezwungen, lebenslang in Kontakt mit ihrem Peiniger zu bleiben. Der Staat wird hier zum Ermöglicher einer Gewaltspirale, die nach der Trennung oft erst richtig eskaliert (Nachtrennungsgewalt).
Das Versagen der Istanbul-Konvention
Obwohl Deutschland die Istanbul-Konvention (das Übereinkommen zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen) ratifiziert hat, zeigt die Praxis, dass Artikel 31 – der besagt, dass häusliche Gewalt bei Sorge- und Umgangsrechtsentscheidungen zwingend berücksichtigt werden muss – oft ein toter Buchstabe bleibt. Institutionelle Gewalt bedeutet hier: Das bewusste Ignorieren völkerrechtlicher Schutzpflichten zugunsten einer Ideologie der „erzwungenen Gemeinsamkeit“.
„Im Zweifel gegen das Kind“: Die Pervertierung des Kindeswohls
Dort, wo das System die Schutzbedürftigkeit von Kindern ignorieren sollte, setzt die Analyse von Sonja Howard und Jessica Reitzig an. Ihr Buch „Im Zweifel gegen das Kind“ ist ein Weckruf gegen eine Praxis, die Kinder als Objekte elterlicher Ansprüche behandelt, statt als Subjekte mit eigenem Recht auf Unversehrtheit.
Howard, Sonja & Reitzig, Jessica (2023): Im Zweifel gegen das Kind: Wie Gerichte, Jugendämter und Polizei die Kinderrechte mit Füßen treten. Streit ums Sorgerecht. Von Umplatzierung bis Heimunterbringung: Was Trennungs-Kinder erleiden. Econ.
Die Ideologie des „Bindungstoleranz“-Diktats
In deutschen Familiengerichten herrscht oft das Dogma, dass ein Kind „beide Eltern braucht“ – völlig ungeachtet dessen, ob ein Elternteil gewalttätig ist oder das Kind traumatisiert hat.
- Bindungstoleranz als Waffe: Müttern, die versuchen, ihre Kinder vor einem gewalttätigen Vater zu schützen, wird „mangelnde Bindungstoleranz“ unterstellt. Das Schutzverhalten der Mutter wird pathologisiert.
- Der Fallstrick der PAS-Ideologie: Hier greift das Pseudokonzept des Parental Alienation Syndrome (PAS) – die Behauptung, die Mutter würde das Kind gegen den Vater „manipulieren“ oder „entfremden“. Howard und Reitzig zeigen auf, wie diese unwissenschaftliche Theorie genutzt wird, um reale Gewalterfahrungen von Kindern und Müttern unsichtbar zu machen.
Die Entmündigung der Kinder
Äußern Kinder Angst vor dem Umgang mit einem Elternteil äußern, wird dies oft nicht als Warnsignal für Gewalt ernst genommen, sondern als Ergebnis mütterlicher Beeinflussung umgedeutet. Institutionelle Gewalt bedeutet hier: Die systematische Missachtung des kindlichen Willens und die Aussetzung des Kindes in eine hochgefährliche, traumatisierende Umgebung unter staatlichem Zwang.
In dubio pro infante: Das System der „Kartelle“ und die Täter-Opfer-Umkehr
Die Plattform In dubio pro infante leistet Pionierarbeit darin, das „Problem“ beim Namen zu nennen: Wir haben es nicht mit Einzelfällen zu tun, sondern mit einem strukturellen Versagen.
Die Täter-Opfer-Umkehr als Standardverfahren
Laut den Analysen auf In dubio pro infante erleben Betroffene eine systematische Täter-Opfer-Umkehr. Sobald Gewalt thematisiert wird, gerät die betroffene Mutter unter Generalverdacht.
- Die Rolle der „Gutachter:in“: Oft entscheiden psychologische Gutachter:innen über das Schicksal von Familien, die keine ausreichende Qualifikation in Bezug auf Gewaltdynamiken oder Traumatisierung haben. Wenn Gutachten auf PAS-Vorannahmen basieren, haben Mütter und Kinder keine Chance mehr, gehört zu werden.
- Institutionelle Netzwerke: In dubio pro infante spricht von festgefahrenen Strukturen zwischen Jugendämtern, Verfahrensbeiständen und Gerichten, die Kritik am System sofort mit dem Vorwurf der „Kooperationsunfähigkeit“ quittieren. Wer sich wehrt, verliert das Sorgerecht. Dieser Mechanismus ist die reinste Form institutioneller Gewalt: Die Drohung mit dem Entzug des Kindes, um den Gehorsam der Mutter gegenüber dem System (und dem Täter) zu erzwingen.
Strukturelle Gewalt erkennen, handeln und schützen – ein Leitfaden für Fachkräfte und Nahestehende
Anja Krummeck widmet sich der systematischen Analyse von Gewaltformen, die in familiengerichtlichen Verfahren oft im Verborgenen bleiben.
Krummeck, Anja (2025): Unsichtbare Gewalt gegen Mütter und Kinder: Strukturelle Gewalt erkennen, handeln und schützen – Ein Leitfaden für Fachkräfte und Nahestehende. PONARA Edition.
Die Publikation dient als Leitfaden, um die Dynamiken institutioneller Machtausübung zu verstehen und Betroffene wirksam zu unterstützen.
Die Kernpunkte der Publikation:
- Identifikation struktureller Gewalt: Das Buch macht deutlich, wie Behörden und Gerichte durch festgefahrene Prozesse und Vorurteile Gewaltverhältnisse oft unbewusst reproduzieren, statt sie zu beenden.
- Analyse der Täter-Opfer-Umkehr: Krummeck beschreibt präzise, wie Schutzinstinkte von Müttern durch geschlechtsspezifische Rollenbilder entwertet und als mangelnde Kooperationsbereitschaft umgedeutet werden.
- Praxisnahe Interventionsstrategien: Der Leitfaden bietet konkrete Hilfestellungen für das soziale Umfeld und Fachkräfte, um Traumadynamiken zu erkennen und eine sichere Umgebung für die betroffenen Kinder zu schaffen.
- Fokus auf Kindschaftsverfahren: Es wird aufgezeigt, wie das abstrakte Dogma des Umgangsrechts häufig über die tatsächliche psychische und physische Unversehrtheit des Kindes gestellt wird.
Weiterführende aktuelle Informationen, Medien, Literatur und Verweise zum Thema stellt die Seite Familienrecht in Deutschland unter Medien im Blick zur Verfügung.
